Am Leineufer vervollständigen sich die verdichtete Stadt und die Re-Vision der Stadtlandschaft zu einem vielfältigen Raumensemble.
2010
Verfahren
Zweiphasiger städtebaulicher und landschaftsplanerischer Wettbewerb
Preis
2. Preis
Auslober
Landeshauptstadt Hannover
Der Oberbürgermeister
vertreten durch das Baudezernat
Fachbereich Planen und Stadtentwicklung
Geschäftsstelle Hannover City 2020
Projektpartner
Mola Winkelmüller Architekten, Berlin
HANNOVER CITY 2020+
Städtebaulicher und landschaftsplanerischer Wettbewerb
Phase II: Leibnizufer und Hohes Ufer
Idee:
Am Leineufer vervollständigen sich die verdichtete Stadt und die Re-Vision der Stadtlandschaft zu einem vielfältigen Raumensemble.
1. Gesamtkonzept
Hannover ist eine Stadt, deren Charakter durch die Vielgestalt der städtebaulichen Räume geprägt ist. Starke Kriegszerstörungen hatten zur Folge, dass das Gesicht und die Konstitution der Stadt neu erfunden werden musste. Bei dem Wiederaufbau Hannovers wurde versucht, neue Ideale und Vorstellungen von einer modernen Stadt umzusetzen. Die Stadträume der historischen Stadt wurden hierbei häufig nicht berücksichtigt, der Bruch mit der Tradition wurde vielerorts Prinzip.
Die in Phase I dargelegte Entwicklungsstrategie zielt auf die Dualität der gegensätzlichen Stadtmodelle: zunächst wird herauspräpariert, wo die klassischen Raumstrukturen der europäischen Stadt wieder angestrebt werden und wo an die fließenden Raumbilder der sogenannten Stadtlandschaft angeknüpft wird. Beide Modelle sind in der heutigen Form mängelbehaftet und einer Revision zu unterziehen. Aber ihr Wechselspiel wird als eigenständige Qualität für Hannover interpretiert. An keinem Ort liegen sich traditionelle und moderne Stadtkonzepte so spannungsvoll gegenüber.
Das Hohe Ufer: Die Stadt „städtischer“machen.
In den Bereichen, wo die historisch-geschlossene Stadtstruktur noch erlebbar ist, werden über entschiedene Interventionen Blöcke neu strukturiert und Raumkanten gestärkt. Die gezielten räumlichen und funktionalen Verdichtungen stärken das städtische Gewebe und damit Atmosphäre und städtisches Leben der Kernstadt als Ganzes. Die geschlossene Stadtsilhouette über den Promenadenmauern des Hohen Ufers gehört dabei sicher zu den künftigen Postkartenansichten.
Das Leibnizufer: Das Versprechen der Stadtlandschaft erfüllen.
Dagegen erscheinen bauliche Verdichtungen in den offenen Stadträumen nicht aussichtsreich für eine durchgängige qualitative Verbesserung. Vorgeschlagen wird hier eine konsequente Hinwendung zur Landschaftlichkeit als Merkmal einer neuen Urbanität. Der leuchtende programmatische Begriff der Stadtlandschaft ist in den luftigen Plänen der Nachkriegsmoderne noch spürbar. In der Realität ist diese „Landschaft“ in vielen Punkten diskreditiert und muss mit einer bildhaften Programmatik neu gefüllt werden.
Für den klar definierten Raum zwischen Leine und Ihme mit den Dominanten Leineufer und Waterlooplatz wird vorgeschlagen die Vision der Stadtlandschaft in einem großzügig angelegten Experiment aufzugreifen und landschaftlich neu zu interpretieren.
Schnittstelle an der Leine.
An der Leine steht künftig ein hartes und städtisch bebautes Ufer einem landschaftsarchitektonisch inter-pretiertem Ufer gegenüber. Mehr Erlebnisvielfalt ist an einem städtischen Ufer nicht denkbar. Die freien Blicke auf die Leine und die Stadtsilhouette werden als Qualität verstanden und inszeniert.
Über die Leine hinweg werden die beiden unterschiedlichen Leineufer – und somit die beiden Quartiere Calenberger Neustadt und die Innenstadt – miteinander verknüpft. Sowohl visuell als auch mittels zweier neu hinzugefügten Leinequerungen.
2. Das Leineufer
Die neue Stadtlandschaft: Stadtpolder und Wasserspiegel
Stadtlandschaft heißt: die Arbeit mit landschaftlichen Motiven als verbindende Aura in der Stadt, die Schaffung übergreifender Strukturen und die Überwindung von Zäsuren. Hierzu gelten Gesetzmäßigkeiten (vgl. Phase I und Anhang) die am Leineufer exemplarisch dargelegt werden. Zugrunde gelegt wird die Metapher der „Stadtaue“ als verbindendes Motiv zwischen Leine und Ihme, am Leineufer interpretiert durch zwei unterschiedliche Dominanten: Die offenen Baustrukturen der Ministeriumsgebäude am Leibnizufer werden in ein Gewebe aus Schilf-, Gras- und Wasserflächen eingewoben, den sog. Stadtpoldern. Dieses Motiv überspannt den Straßenraum und bildet das räumliche Rückgrat der Leinepromenade über den Rasenterrassen. Am Kopf der historischen Leineinsel wird die zweite landschaftliche Dominante eingeführt: Eine langgestreckte artifizielle Wasserlinie fasst den Zwischenraum der neuen Schlossfreiheit gegenüber dem Leineschloss und weitet sich in der Hauptachse des Waterlooplatzes zum großzügigen Wasserspiegel auf.
Promenade und Landschaftsterrassen Die ruhige Wegeachse der Promenade wird durch platzartige Klammern rhythmisiert. Sie liegt bis 1,50m unterhalb der Straßenebene und ist von dieser durch die bis 1,60m hohen Grasfelder abgeschirmt. Die Felder sind jeweils monotypisch durch jeweils ein Großgras gefasst und werden mit eingestreuten Hochstaudenpflanzungen aufgelockert. An der Promenade entstehen Plätze und Nischen als Aufenthaltsräume, in die niedrigere Pflanzungen eingelassen sind. Die Gräser werden im Frühjahr abgemäht, während we-niger Wochen ist der Blick auf die Leine auch für Autofahrer frei.
Die verbleibenden 3m Höhendifferenz zum Mittelwasserspiegel werden als großzügige Rasenterrassen ausgebildet, die Böschung wird zum Auditorium für Veranstaltungen auf der Wasserbühne. Frei angeord-nete Solitärbäume lockern die städtische Strenge der Rasentribüne auf.
Den Übergang der Promenade zur neuen Schlossfreiheit bildet der Platz an der Schlossbrücke. Dieser bildet einen wichtigen Gelenkpunkt zwischen der Verbindungsachse Calenberger Neustadt und Innenstadt, Leineufer und Schlossfreiheit. Die aus Platanen gebildete Baumhalle bildet einen neuen Schwer-punkt des Flohmarktes und den attraktivsten Bouleplatz der Stadt. Als identifikationsstiftendes Signet des Leineufers wird der Platz von den Nanas flankiert
Wassers hat an diesem Platz eine hohe Präsenz. Während auf der östlichen Seite die Leine in ihrem alten Flussbett verläuft, begrenzt nach Westen die artifizielle Wasserlinie den Platz. Sie ist scheinbar nördlich über eine Kaskade mit der Leine verbunden. Hier wird deutlich, dass sich der Platz auf den Grundmauern der ehemaligen Leineinseln befindet.
Die nördliche Fassung des Leineufers erfolgt durch einen gläsernen Pavillon, der sich aus einem steinernen Plateau heraus entwickelt. Dieser Bau ist Auftakt, Wendepunkt, Abschluss und Brückenschlag zugleich und bietet Raum für Präsentationen und Ausstellungen. Er leistet in Ergänzung zu den Kunstwerken im Bereich des Cityrings einen wichtigen Beitrag bezüglich einer mit dem Leineufer eng verbundenen Tradition: Kunst im öffentlichen Raum.
Das Thema des gläsernen Pavillons wird entlang der Promenade nach Süden fortgesetzt. Hier sind es je-doch kleinere Strukturen, die ähnlich Kiosken ein Angebot wie Cafe, Zeitungskiosk etc. für den Spaziergänger bieten, aber auch Flohmarktinfrastuktur beinhalten können. Die Pavillons sind eingebettet in die Polderflächen. Ihnen angelagert sind Tennenflächen, die eine spontane Bestuhlung und Bespielung ermöglichen.
Die neue Schlossfreiheit: Stadtprospekt und Wasserkünste
Südlich des Platzes am Neuen Tor befindet sich die neue Schlossfreiheit. Diese Freifläche gegenüber des ehemaligen Leineschlosses und heutigen niedersächsischen Landtags wird bestimmt von großzügigen Ra-senflächen und großen, altgewachsenen Bäumen. Zum Frederikenplatz hin spannt sich die weite Wasserfläche mit Wasserspielen auf, die zum einen dem repräsentativen Anspruch des Ortes gerecht wird, zum anderen den angemessenen, übergeordneten und aktiven Auftakt zum Leineraum bildet. Vom Waterloo-Platz aus bleibt somit die Laves-Sichtachse auf das Leineschloss erhalten und das Geräusch des stürzenden Wassers überlagert die Verkehrsgeräusche der Magistralen.
Die Wasserflächen werden als flache Becken ausgelegt und längerfristig mit dem aufbereiteten Regenwas-ser der Landesbehörden gespeist. Die angedachte Stromgewinnung aus der Wasserkunst hätte hier einen Abnehmer.
3. Das Hohe Ufer
Die doppelgeschossige Promenade
Das städtische Ufer im Osten wird von der Goethestraße bis zum Frederikenplatz als durchgängig steiner-ne Promenade auf zwei Ebenen interpretiert. Kleinteilige Einbauten der 70er Jahre werden zugunsten einer großzügigen Durchgängigkeit durch klare Linien ersetzt. In den geschosshohen Höhensprung zwischen den Ebenen können kleine Gastronomie-Einheiten eingebunden werden die der Bewirtschaftung der besonnten Wasserebene dienen. Der nördlich der Marstallbrücke als Promenade erweiterte Uferbereich wird mittels einer Unterführung unter die Marstallbrücke hindurch an das Hohe Ufer angebunden.
Durch eine neue Brücke parallel der Goethebrücke wird der Uferweg auf dem unteren Niveau fortgesetzt. Spaziergängern wird hier ermöglicht, die Leine zu queren, ohne die stark befahrene Goethestraße zu tangieren.
Städtebauliche Reparatur
Die einst robuste und massive städtische Seite des Leineufers erlitt durch Kriegszerstörungen zahlreiche Verletzungen. Während die gegenüberliegende Seite komplett durch die Nachkriegsmoderne geprägt wurde, erscheinen die Freiflächen am Hohen Ufer neben den zum Teil wieder aufgebauten historischen Bauten als städtische Fehlstellen. Das Leineschloss im südlichen Bereich, das historischen Museum mit dem Begidenturm und die ehem. Reithalle an der Marstallbrücke bilden die identitätsstiftenden Bauten des Hohen Ufer.
Um der Uferseite seine Prägnanz wiederzuverleihen und der östlichen Flussseite als städtische Seite ge-recht zu werden, wird sowohl die Freifläche in Verlängerung des Marstalls, als auch der Bereich zwischen Reithalle und historischem Museum neu bebaut. Vorgeschlagen werden Blockbebauungen, die sich in ihrer Dimension der Körnung des Uferbereiches einpassen. Das Material greift den Naturstein der steiner-nen Promenade auf und ergänzt somit zurückhaltend den lückenhaften Stadtprospekt.
4. Die Verknüpfungen
Neue Brückenschläge über die Leine
Im Norden und im Süden des Leineufers werden neue Brücken in Form von steinernen Stegen vorgeschlagen, um die beiden unterschiedlichen Leineufer stärker zu verbinden. Mit den beiden neuen Querungen wird die Leine als Erlebnisraum auf neue Art erfahrbar zu machen.
Die nördliche der beiden verläuft parallel zur Goethestraße. Die neue Brücke ermöglicht dem Spaziergän-ger eine Fortsetzung des Uferwegs über die Leine hinweg - ohne die stark befahrene Goethestraße zu tangieren und den Erlebnisraum zu verlassen. Diese Brücke setzt sich räumlich in dem steinernen Plateau mit Pavillon und schließlich in der Promenade des Leineufers fort.
Die südliche der beiden neuen Querungen leistet einen wichtigen Beitrag zu der Verknüpfung der Innenstadt mit dem grünen Leibnizufer. Auf Höhe des Begidenturms wird der Spaziergänger auf dem unteren Promenadenniveau vom städtischen Ufer auf die landschaftlich geprägte Seite geführt, um den Weg entlang der Polder fortzuführen und den uneingeschränkten Blick auf die Stadtsilhouette zu ermöglichen.
Neben den wichtigen verkehrlichen Leinequerungen leisten die den Fußgängern und Fahrradfahrern vorbehaltenen steinernen Stege einen wichtigen Beitrag zu der Vernetzung der Calenberger Neustadt und der Innenstadt Hannovers.
Anhang:
Weiterarbeiten an der Standlanschaft:
Waterlooplatz die Ca-lenberger Neustadt
Das Leibnizufer und die Bauensemble an Lavesallee und Waterlooplatz bilden einen zusammenhängenden Cluster öffentlicher Nutzungen und Trägerschaften. Unter einer weit-gehenden Aufhebung überkommenen Liegenschaftsdenkens entsteht hier mit den „Stadtauen“ eine einzigartige zusammenhängende Stadtlandschaft die die Quartiere zu einem durchgängigen Erlebnisraum machen. Für die Gestaltung dieser Landschaft bestehen Freiräume aber auch Gesetzmäßigkeiten wie sie am Leineufer exemplarisch dargestellt wurden: